Wie kommt es, dass die Menschen so verschieden sind?
Jeder ist seines Glückes Schmied, sagt der Volksmund, und dasselbe sagt auch die Theosophie; sie lehrt, dass jeder Mensch sein bisschen freien Willen besitzt und folglich sein Leben und sich selbst gestalten kann, wie er es will. Dass wir von unserer Willensfreiheit hinreichend Gebrauch machen, bedarf wohl keiner Frage, und dass dieser nicht immer zu unserem Besten dient und so unterschiedlich ausfällt, wie die Menschen selbst sind, wissen wir ebenfalls. Wie oft hört man doch sagen: "Ich hätte unter diesen Umständen soundso gehandelt" oder "Ich würde an deiner Stelle soundso handeln". Dabei wird meist übersehen, dass der Angesprochene gar nicht so handeln kann wie der Ratgeber; denn jede Willensentscheidung ist abhängig von dem Grade der Erkenntniskraft, den der einzelne sich im Laufe einer äonenlangen Entwicklung erworben hat. Daher ist die eigentliche Ursache für die Fehlleistungen unserer Willensausübung Unwissenheit. Ist uns also daran gelegen, diese immer mehr auszumerzen, so müssen wir uns mühen, unsere Erkenntniskraft zu steigern.
Die einzige Methode nun, die uns dazu verhelfen kann, ist die, dem inneren Bewusstseinsstrome aufwärts zu folgen. Denn je mehr wir uns dem Universalgeiste nähern, desto umfassender wird auch unsere Innenschau und damit unsere Erkenntniskraft. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass dem tieferstehenden Menschen der innere Blick mehr oder weniger verschleiert und getrübt wird durch persönliche Wünsche und Begierden und den daraus erstehenden Gemütserregungen, demzufolge dann auch seine Willensentscheidungen durchaus egozentrisch ausfallen. Dadurch aber sondert dieser Mensch sich von anderen ab, verfällt der Ketzerei des Sondersein.
Dagegen hat der hochentwickelte Mensch seine persönliche Natur überwunden; er denkt bei der Ausübung seines freien Willens nicht mehr an sich selbt, sondern an das Ganze. Er hat erkannt, dass er sowie alle anderen Wesen Teil und Anteil des Universalwillens sind, der, im höchsten SELBST des Universums geboren, geleitet wird von unpersönlicher Liebe, von Mitleid und unnachgiebiger Gerechtigkeit. Diese Erkenntnis macht den Menschen duldsam und rücksichtsvoll allen anderen gegenüber und erfüllt sein Herz mit Ehrfurcht vor dem, was über ihm, vor dem, was neben ihm, vor dem, was unter ihm ist.